Ruptured Lives erzählt die bewegende Geschichte einer Familie, die vom Holocaust und der Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang zerrissen wurde. Ein Interview mit der Autorin Jarmila Turnovsky.
Was hat Sie dazu bewegt, Ihre Familiengeschichte in „Ruptured Lives“ aufzuschreiben?
Ich habe lange gezögert, meine Familiengeschichte aufzuschreiben, da ich mich nicht als „Autorin“ sah. Freunde ermutigten mich jedoch immer wieder, weil sie die Geschichte für außergewöhnlich hielten. Den entscheidenden Anstoß gab 2015 der Fund von Lebensversicherungspolicen meiner im Holocaust ermordeten Großeltern. Mir wurde bewusst, dass diese Geschichte nicht verloren gehen darf.
Was war die größte emotionale Herausforderung beim Schreiben?
Die größte Herausforderung war die Frage, wie offen ich sein darf, besonders bei sehr privaten Familienkonflikten. Es war schwierig zu entscheiden, reale Namen zu nennen und persönliche Spannungen sichtbar zu machen. Das Schreiben bedeutete für mich, sehr intime Themen öffentlich zu machen.
Wie haben Sie Erinnerungen und Recherche verbunden?
Ich habe Familienerinnerungen mit historischer und genealogischer Recherche verbunden. Durch das Studium der historischen Hintergründe wurden viele Familienentscheidungen erst verständlich. Besonders überraschend war, wie viele Teile meiner jüdischen Familiengeschichte mir zuvor unbekannt waren.
Wie hat Ihr internationales Aufwachsen Ihr Verständnis von Heimat geprägt?
Da ich in verschiedenen Ländern aufgewachsen bin, habe ich früh erlebt, dass Heimat nichts Eindeutiges ist. Ich wurde in Großbritannien geboren, bin in Jamaika aufgewachsen, habe tschechische Wurzeln und lebe heute in Deutschland. Für mich ist Heimat daher weniger ein Ort als ein Gefühl von Vertrautheit und Zugehörigkeit.
Auch meine Identität ist vielschichtig und von verschiedenen Kulturen und Sprachen geprägt. Ich habe gelernt, mich zwischen unterschiedlichen Welten zu bewegen und mich nicht über eine einzige nationale Zugehörigkeit zu definieren.
Im Buch zeigt sich das indirekt: Ich stehe zwischen den Lebenswelten meiner Familie in der Tschechischen Republik und in Jamaika, wo die Asche meiner Mutter unter einem Mangobaum verstreut ist und meine jüngere Schwester lebt. Meine ältere Schwester blieb nach 1948 in der damaligen Tschechoslowakei. Durch meine Sprachkenntnisse und meine eigene Lebenssituation konnte ich später zwischen diesen unterschiedlichen Familienrealitäten vermitteln und den Kontakt aufrechterhalten.
Welche Botschaft ist Ihnen wichtig?
Eine wichtige Botschaft aus „Ruptured Lives“ ist für mich, dass Ankommen in einer neuen Gesellschaft oft auch Anpassung im Alltag bedeutet. „When in Rome, do as the Romans do“ – dieses bekannte Sprichwort enthält durchaus einen wahren Kern, wenn es um das Leben in einem neuen Umfeld geht.
Im Laufe des Schreibens wurde mir dies auch in zwei persönlichen Situationen bewusst: einmal, als ich mit einem Davidstern in der Öffentlichkeit angegriffen wurde, und ein anderes Mal, als mein Akzent am Telefon als „fremd“ wahrgenommen wurde und ich mit Vorurteilen konfrontiert war.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie stark äußere Merkmale im Alltag wirken können. Es geht dabei weniger um das Aufgeben der eigenen Identität, sondern um das Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und Schutz. Gerade im Kontext von Flucht, Erinnerung und Verantwortung wird deutlich, wie komplex solche Entscheidungen sind.
Jetzt lesen
Der Titel ist als englischsprachiges Buch und E-Book in der Erlanger Stadtbibliothek vorhanden:
Jarmila Turnovsky: Ruptured lives : how Hitler’s Final Solution decimated my family and Stalin’s Iron Curtain tore it apart / Uttenreuth, 2025. – 291 Seiten.
Marlene
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