Unterwegs im Gedächtnis der Stadt
Zur Ausbildung als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (FaMi) gehören Praktika in anderen Facheinrichtungen der Bibliotheks- und Archivlandschaft. Ich war im Stadtarchiv Erlangen und möchte euch davon erzählen.
Ehrlich gesagt hatte ich eine völlig falsche Vorstellung davon, was ein Stadtarchiv eigentlich macht. Ich hatte es mir irgendwie immer als eine Art Museum vorgestellt. Auf jeden Fall mit vielen alten Urkunden und Fotos. Ganz falsch war diese Vorstellung nicht. Die älteste Urkunde im Stadtarchiv ist von 1389. Viele jüngere folgen. Und es gibt auch eine Foto- und eine Münzsammlung.
Was mir allerdings nicht bewusst war, ist die große Sammlung an Akten aus der Stadtverwaltung. Und das meint nicht nur alte Unterlagen des Standesamtes, die häufig für Ahnenforschung angefragt werden. Darüber hinaus gibt es alles, was eine Stadt an Akten und Archiven produziert: Bauakten, Kultur- und Veranstaltungsakten, Akten aus dem Oberbürgermeisteramt, Vereinsarchive und vieles mehr.
Was ich mir im Vorfeld noch weniger vorstellen konnte, war, was genau ich dort eigentlich zu tun bekomme. Die Hauptaufgabe, die ich teilweise auch selbstständig übernehmen durfte, bestand darin, die Akten zu verzeichnen und archivsicher zu verpacken. Das klingt jetzt sehr technisch. Im Endeffekt bedeutet es, dass ich mir zunächst die Akten angeschaut habe, um zusammenzufassen, worum es geht. Das wird dann wie in der Bibliothek in einem Katalog verzeichnet, um später durchsucht werden zu können. Es gibt zwar auch teilweise handschriftlich ausgefüllte Listen, die kurz wiedergeben, was beim Archiv abgegeben wurde, sogenannte Findlisten, diese sind aber nur ungenau und schwer durchsuchbar.

Im nächsten Schritt wird alles, was auf Dauer dem Papier schaden kann, also alles aus Plastik oder Metall, aus der Akte entfernt. Der Klammeraffe wurde hierfür zu meinem besten Freund. Metall hat den Nachteil, dass es mit der Zeit Rosten kann. Die Auswirkungen der Weichmachern im Plastik sind noch nicht vollständig geklärt. Besonders dünnes oder angegriffenes Papier wird kopiert oder in Papierhüllen gesichert.
Im letzten Schritt wird die Akte in eine Pappmappe eingelegt oder -geheftet und mit der Signatur der Akte aus dem System gekennzeichnet. Nun kann sie in speziellen Archivkartons im Magazin eingelagert werden.
Ehrlich gesagt war das meiste, das ich aus der Stadtverwaltung in der Hand hatte, für mich nicht so spannend. Bis ich auf eine Akte gestoßen bin, die die Entstehung meines Wohngebietes behandelt hat. Mir war nie bewusst, was es damals für Pläne und Auseinandersetzungen gab, bis das Haus stand, in dem ich heute wohne. Plötzlich war moderne Stadtgeschichte für mich greifbar.
Ebenso habe ich eine Sammelmappe gefunden, die Zeitungsartikel über meinen Verein beinhaltete. Bis in seine Gründungszeit in den 1990er Jahren zurück. Ein Hoch auf die deutsche Bürokratie und Gründlichkeit!

Zum Glück war das meiste Schriftgut mit der Maschine geschrieben oder gedruckt. Doch dann kamen die Handschriften aus dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Denn auch das gehört zur Arbeit im Archiv: alte Handschriften. Mit Hilfe einer Handschriftenübersicht ist es mir dennoch gelungen, eine Vaterschaftsanerkennung von 1905 zu lesen. In feinstem Beamtendeutsch.
Insgesamt war es eine wirklich interessante Zeit im Stadtarchiv. Einen Besuch ist es auf jeden Fall wert!
Bettina
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